Es gibt Gewürze, bei denen man einmal schnuppert – und sofort ist man woanders.
Bei Anis bin ich automatisch in der Weihnachtsbäckerei meiner Oma. Dieser süßlich-würzige, leicht lakritzige Duft, der sich durch die ganze Küche zieht. Anisgebäck, Lebkuchen, Brot. Und irgendwo im Hintergrund der Gedanke: „Ist da Schnaps drin?" – Nein. Oder zumindest nicht immer. 😄
Anis ist eines dieser Gewürze, die man sofort erkennt – und trotzdem oft nicht genau einordnen kann. Zeit, das zu ändern.
Anis, Sternanis, Fenchel – sind das nicht alle gleich?
Nein. Und diese Frage höre ich oft – weil alle drei ähnlich schmecken und duften. Aber sie sind botanisch völlig verschieden und kommen aus unterschiedlichen Ecken der Welt.
Kurz erklärt:
Anis (Pimpinella anisum) – das ist unser Kandidat heute. Eine Pflanze aus dem Mittelmeerraum, die kleinen hellen Samen sind das Gewürz. Mild, süßlich, aromatisch.
Sternanis (Illicium verum) – kommt aus Südostasien, sieht aus wie ein kleiner Stern und schmeckt intensiver und etwas holziger als Anis. Trotz des ähnlichen Aromas keine verwandte Pflanze – nur eine geschmackliche Ähnlichkeit durch denselben Wirkstoff: Anethol.
Fenchel (Foeniculum vulgare) – ebenfalls Anethol, ebenfalls diese typische Süße, aber mit einer grüneren, frischeren Note. Fenchel ist milder und wird oft mit Anis verwechselt, ist aber wieder eine ganz eigene Pflanze.
Alle drei schmecken „anisartig" – weil Anethol in allen drei steckt. Aber sie sind nicht austauschbar, der Charakter ist jeweils ein anderer. Wer sie einmal nebeneinander riecht, vergisst den Unterschied nicht mehr.
Woher kommt Anis?
Anis gehört zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt. Seine Heimat ist der östliche Mittelmeerraum und Vordere Orient – Ägypten, Griechenland, die Türkei. Schon die alten Ägypter kannten und nutzten ihn, in griechischen und römischen Schriften taucht er regelmäßig auf.
Im Mittelalter kam er mit den Mönchen in die mitteleuropäischen Klostergärten – und von dort in die Küchen und Hausapotheken. Heute wird er vor allem in Spanien, der Türkei, Ägypten und Indien angebaut.
Der Name geht auf das griechische anison zurück – und hat sich durch fast alle europäischen Sprachen so ähnlich gehalten. Ein Gewürz mit stabiler Identität. 😄
Wie schmeckt Anis ganz?
Süßlich, warm, leicht lakritzartig – aber milder und feiner als Sternanis. Die ganzen Samen entfalten ihr Aroma erst richtig, wenn man sie kurz andrückt oder mörsert. Dann öffnen sich die ätherischen Öle und der Duft ist sofort da.
Für Backwaren werden sie oft ganz verwendet – im Brot oder Gebäck backen sie sich weich und geben ihr Aroma langsam ab. Für Tee oder Gewürzmischungen lohnt sich das kurze Mörsern.
Anis in der österreichischen und Kärntner Küche
Anis ist in der österreichischen Küche vor allem eines: ein Backgewürz. Und das mit langer Tradition.
Er steckt in:
- Anisgebäck – Klassiker der Weihnachtsbäckerei, von Springerle bis Anisbusserl
- Lebkuchen und Gewürzkeksen – oft unsichtbar, aber geschmacklich präsent
- Brot und Hausbrot – besonders in rustikalen Roggensauerteigbroten, wo er zusammen mit Kümmel und Koriander auftritt
- Weihnachtsstollen und Früchtebrot
In Kärnten ist Anis vor allem aus der Bäckerei und der Schnapskultur bekannt. Kärntner Kräuterschnäpse und Liköre – und natürlich der gute alte Anisschnaps – haben eine lange Tradition. Ob Pastis, Ouzo, Sambuca oder Anisschnaps: Alle setzen auf denselben Wirkstoff. Anethol eben. 😄
Und in der herzhaften Küche? Anis ist hier weniger verbreitet, aber durchaus spannend:
- in Fischgerichten – in der mediterranen Küche ein klassischer Begleiter
- in Karotten- und Kürbissuppen – eine kleine Prise gibt eine überraschend warme Tiefe
- in Marinaden für Schweinefleisch
Anis als Tee – und seine guten Eigenschaften
Hier zeigt Anis, was er wirklich draufhat.
Anistee ist kein Modegetränk – er ist ein Klassiker der Hausapotheke, der seit Jahrhunderten eingesetzt wird. Für den Tee einfach einen Teelöffel Anissamen leicht andrücken (Mörser oder Löffelrücken), mit heißem Wasser übergießen und 8–10 Minuten zugedeckt ziehen lassen. Zudecken – die ätherischen Öle sind flüchtig.
Abseihen, nach Belieben mit Honig süßen. Süßlich, warm, angenehm mild. Auch für Kinder gut verträglich – was ihn zu einem der wenigen Kräutertees macht, die die ganze Familie trinkt.
Traditionell gilt Anis als:
- blähungstreibend und verdauungsfördernd – einer seiner bekanntesten Einsatzbereiche, besonders nach schweren Mahlzeiten
- schleimlösend – bei Husten und Erkältungen ein bewährtes Hausmittel, kein Zufall dass Anis in vielen Hustentees und -sirupen steckt
- krampflösend – bei Magen- und Darmbeschwerden
- stillanregend – traditionell als Tee für Stillende empfohlen, da er die Milchproduktion unterstützen soll
- beruhigend – ein Anistee am Abend gilt als sanftes, entspannendes Ritual
Als Kräuterpädagogin sage ich: Anistee gehört zu den Kräutertees, die ich wirklich regelmäßig empfehle – besonders nach einem üppigen Essen oder wenn der Bauch grummelt. Einfach, wirkungsvoll, wohlschmeckend. 😊
Wie immer: traditionelle Erfahrungswerte, keine Heilversprechen.
Kleiner Küchentrick: Anrösten
Wie bei vielen Samen gilt auch beim Anis: Ein paar Sekunden in der trockenen Pfanne anrösten, bevor man ihn verwendet oder mörsert. Das Aroma wird nussiger, runder, voller. Sobald es duftet – sofort raus. Nicht zu lange, sonst kippt er ins Bittere.
Nimm das heute für dich mit
Anis ist bescheiden. Er wartet im Regal, kommt einmal im Jahr zur Weihnachtsbäckerei groß raus – und wird dann wieder vergessen. Dabei verdient er mehr. Als Tee ist er ein verlässlicher Hausapothekenbegleiter. In der Küche ein unterschätzter Aromabringer. Und im direkten Vergleich mit Sternanis und Fenchel bekommt er endlich das Profil, das ihm zusteht: mild, süßlich, fein – der Charmeur unter den Anisgewürzen. 😄
Wer seine Anissamen bisher nur zu Weihnachten rausgeholt hat: Ein heißer Anistee nach dem Osteressen wäre doch auch nicht schlecht. Der Bauch wird's danken. 😉